Sonntag, 10. November 2013

"Es isch nümm wie aube"

Oder für alle, die des berndeutschen Dialekts weniger mächtig sind: Es ist nicht mehr wie früher. Oder auch: Früher war alles besser. Solche Sätze hört man oft. Doch ist das wirklich so? War früher wirklich alles besser?
 
Um das zu beurteilen, müsste man erst einmal wissen, was heute denn als besonders schlecht beurteilt wird. Vielleicht die Arbeitslosenquote? Die Kriminalität? Die höheren Lebenskosten? Der Stress? Die vielen Asylbewerber? Die heutige Jugend ohne Anstand? Die überrissenen Managerlöhne? Die Weltwirtschaftskrise? Vielleicht sehnen wir uns auch an jene Zeit zurück, als noch Dampfzüge gemütlich durchs Land tuckerten und als die Kinder (also wir damals) noch draussen mit Freunden spielten und herumrannten anstatt vor dem PC zu sitzen. Als wir noch miteinander sprachen anstatt zu chatten und SMS zu schreiben.
 
War früher also wirklich alles besser? Stichwort Arbeitslosenquote: Sie war schon immer Schwankungen unterworfen. 1937 beispielsweise lag die Arbeitslosenquote in der Schweiz bei 4.5%, 1997 bei knapp 6% und heute liegt sie bei ca. 3%. Dazwischen gab es immer wieder Phasen, wo sie zwischen 0 und 1% lag, nach dem Zweiten Weltkrieg mussten sogar tausende ausländische Arbeitskräfte in die Schweiz geholt werden (vornehmlich aus Italien), um den Bedarf der schnell wachsenden Wirtschaft zu decken.
 
Stichwort Kriminalität: Sie mag in den letzten Jahrzehnten tatsächlich gestiegen sein. Jedoch gab es auch früher in der Schweiz immer wieder Gewaltexzesse. Terror in der Schweiz: 1969 Attentat in Kloten auf israelisches Flugzeug; 1970 Anschlag auf Swissair-Maschine, welche danach bei Würenlingen abstürzte, 47 Tote. Unruhen: Landesgeneralstreik in der Schweiz 1918; hunderttausende Menschen waren unzufrieden wegen sozialer Ungerechtigkeit, Armut und Existenznöten. Und das in der „guten alten Zeit“. In den frühen 1980er Jahren kam es zu Jugendunruhen in Zürich mit hunderten von Verletzten, Vandalismus und Sachschäden in Millionenhöhe. Kindsentführungen: In den 1980er Jahren verschwanden in der Schweiz etliche Kinder spurlos, von einigen wurden später die Leichen gefunden, mehrere blieben verschollen. Viele Fälle sind bis heute ungeklärt.
 
Landesstreik 1918 - Armeeangehörige bewachen die Eingänge des Bundeshauses vor dem wütenden Volk
 
Stichwort Asylbewerber: Auch hier gab es immer wieder Flüchtlingswellen. 1956 flohen 12‘000 Ungaren in die Schweiz, 1968 ebensoviele Tschechoslowaken nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. In den 1970er und 80er Jahren kamen über 8000 Vietnamesen. Und auch damals gab es schon Spannungen und Ängste in der Bevölkerung.
 
Stichwort heutige Jugend: Bereits vor zweieinhalbtausend Jahren sollen sich griechische Denker und Schriftsteller über den Zerfall von Sitten und Respekt bei der „heutigen Jugend“ beschwert haben. Es scheint normal zu sein, dass Alte in jeder Epoche über die aktuelle Jugend jammern. Bestimmt ist auch die jugendliche 68-Bewegung bei der älteren Bevölkerung nicht auf übermässig viel Verständnis gestossen.
 
Stichwort Weltwirtschaftskrise: die gab es immer wieder. Um 1930 ereignete sich ein enormer Börsencrash, der auch in der Schweiz zu vielen Arbeitslosen führte. Bereits im 17. Jahrhundert bildete sich in Holland eine Blase, als die Tulpenpreise astronomische Höhen erreichten, bis sie auf einmal in den Keller fielen. In unserer Zeit ist es der Goldpreis, der in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist, um dann im Frühjahr 2013 rund einen Drittel seines Wertes zu verlieren. Die Bilder gleichen sich. Haben wir eigentlich nichts aus der Geschichte gelernt?
 

Rümlingen an der alten Hauensteinstrecke während dem Dampfzeitalter
 
Bestimmt waren früher einige Dinge besser als heute. Die Kinder heute sind im Durchschnitt schwerer und unsportlicher als früher. Ja, vor PC konnten wir nicht sitzen, den gab es damals ja noch nicht. Wir spielten lieber draussen. Natürlich war die Zeit damals weniger stressig, natürlich ging die Lohnschere weniger weit auseinander, natürlich war das Bahnfahren mit den Dampfzügen noch ein Erlebnis. Trotzdem ist der ÖV heute viel dichter und die Niederflurzüge, -trams und –busse ermöglichen auch behinderten Menschen ein gewisses Mass an Freiheit, wie es früher nicht üblich war. Die medizinische Versorgung ist heute besser; Pandemien wie die Spanische Grippe 1918, welche alleine in der Schweiz über 24‘000 Tote forderte, würden heute wohl bedeutend glimpflicher verlaufen.
 
Aber es gab auch ganz dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte, zum Beispiel jenes der Verdingkinder; Kinder, welche bis in die 1960er Jahre von fremden Familien teilweise wie Sklaven gehalten, erniedrigt, ausgebeutet und missbraucht wurden. Unverheiratete Frauen wurden ihrer Kinder beraubt und häufig als Zwangsmassnahme sogar sterilisiert. In einigen Kinderheimen wurden Kinder mit Gewalt konfrontiert, missbraucht und teilweise sogar richtiggehend gefoltert. Und das in der „guten alten Zeit“. Die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels hat erst vor kurzem begonnen.
 
Wo also ist die gute alte Zeit? Warum finden wir sie nicht? Weil es sie nie gab! Jede Zeitepoche hat ihre positiven und ihre negativen Seiten, die vergangenen genauso wie die heutigen. Und trotzdem ist es doch so schön, von guten alten Zeiten zu träumen!
 
Halten wir doch einfach die positiven Seiten vergangener Tage in guter Erinnerung und erfreuen wir uns an den positiven Seiten der heutigen Zeit. Und vielleicht werden es einmal unsere Kinder sein, die irgendwann sagen werden: „Damals, 2013, als ich noch ein Kind war, da war die Welt noch in Ordnung…“

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