Dienstag, 30. Januar 2018

Die Flut kam am frühen Sonntagmorgen


„Früh morgens wurden wir von Papa aus dem Schlaf gerissen. Er befahl uns, uns sofort anzukleiden. Dann packte er mich, nahm mich unter den Arm und stürmte mit mir aus dem Haus. Draussen war es noch finster, es stürmte und überall war Wasser. Papa stieg mit mir auf den Deich und setzte mich zuoberst ab. Dann schärfte er mir ein, hier zu warten, bis er wieder käme und verschwand in der Dunkelheit, um meine Mutter und meine Schwestern zu holen. Da sass ich nun, alleine in der Dunkelheit, in diesem kalten Wintersturm und musste zusehen, wie die Flut gegen den Deich krachte und immer höher stieg. Ich hatte das Gefühl, Papa würde nie mehr zurückkehren.“

Der Deich ist gebrochen, die Flut strömt ins Dorf.

So dramatisch beschreiben Überlebende ihre Erlebnisse aus der Katastrophennacht an diesem frühen Sonntagmorgen, dem 1. Februar 1953. Das Zusammentreffen einer Springflut mit einem gewaltigen Weststurm vor der niederländischen Küste liess die Wellen mit solcher Gewalt ans Ufer krachen, dass die Deiche an vielen Orten brachen und das Wasser ungehindert in das tiefliegende Land strömte.

Schon am Samstagabend kündigte sich die verheerende Katastrophe an. Obwohl Ebbe war, lag das Wasser der Nordsee so hoch wie sonst üblicherweise bei Flut. Trotzdem ahnte damals noch niemand, was sich einige Stunden später abspielen würde.

Menschen flüchten, lassen Hab und Gut zurück.

Grosse Teile der niederländischen Provinzen Zeeland, Zuid-Holland und Teile von Noord-Brabant wurden von der mächtigen Sturmflut getroffen und unter Wasser gesetzt. Über 1800 Männer, Frauen und Kinder ertranken in den Fluten dieser Naturkatastrophe, die noch heute von vielen Niederländern schlicht „de ramp“ die Katastrophe genannt wird. Allein das Dorf Oude Tonge verlor in dieser Nacht und den Stunden danach einen Zehntel seiner Bevölkerung. Besonders tragisch ist das Schicksal jener jungen Frau, die am Samstagabend ihr Kind gebar. Stunden später entriss ihr die unbarmherzige Flut das Baby. Es wurde nie gefunden. Doch auch die junge Mutter überlebte die Nacht nicht.

Ein überflutetes Dorf.

Viele Menschen suchten auf dem Dach ihres Hauses Schutz. So auch jener junge Mann, der sich zusammen mit seinem Bruder und seinem Vater auf das Dach gerettet hatte. Das wilde Wasser hatte das Dach vom Rest des Hauses abgehoben und der Sturm trieb das nun frei schwimmende Dach böse schaukelnd und schlingernd über das Wasser. Schliesslich vermochten sich Vater und Bruder nicht mehr zu halten und stürzten in die Flut. „Das war das letzte Mal, dass ich sie sah“, erzählt der betagte Mann Jahrzehnte später unter Tränen.  „Die See riss sie fort, ich habe sie nie gefunden.“

Viele Überlebende mussten über 24 Stunden in ihrer misslichen Lage ausharren, da die Rettungsmassnahmen erst im Verlaufe des Montags so richtig anliefen. Bis dann ahnten die Behörden in den nicht betroffenen Gebieten noch nicht, wie schlimm die Situation im Katastrophengebiet ist. Einzig einige Funkamateure hielten aus der Krisenregion Kontakt mit der Aussenwelt. Heimtückischerweise frischte der Sturm am Sonntagnachmittag noch einmal auf; viele Häuser, die bei der ersten Sturmflut beschädigt wurden, stürzten nun noch gänzlich ein. Viele Menschen, die bis zu diesem Zeitpunkt überlebt hatten, fanden nun doch noch den Tod.

In kleinen Booten werden Überlebende "eingesammelt".

Allzu oft werden in Katastrophen Helden geboren. So auch an diesem 1. Februar 1953. Bei Nieuwekerk aan den IJssel drohte ein Deich zu brechen. Zwei junge Männer riskierten ihr Leben, indem sie ein Fischerboot in die entstehende Öffnung manövrierten und damit das Loch im Deich stopften. Ihre heldenhafte Tat verhinderte die Überschwemmung grosser Teile Zuid-Hollands und rettete wohl vielen Menschen das Leben.

Die Holländer haben der Nordsee viel zu verdanken. Im 17. Jahrhundert war sie das Tor zur weiten Welt. Holländische Seefahrer entdeckten neue Erdteile, trieben Handel überall auf der Welt und brachten exotische Gewürze, Blumenzwiebeln und andere Waren nach Hause, die sie teuer verkauften. Reichtum und Wohlstand waren die Folge.

Doch die Nordsee fordert auch ihren Tribut, wenn ihre wütenden Fluten übers Land hereinbrechen. Nur zu gut erinnere ich mich an die Worte eines Niederländers, der mir einmal erklärte: „Die Nordsee ist unser bester Freund und gleichzeitig unser schlimmster Feind.“
Ruhet in Frieden, ihr Opfer von „de ramp“.

Freitag, 23. Januar 2015

Laten we Nederlands spreken!

So, heute gibt’s eine kleine Niederländisch-Lektion. Und eine Lektion in den Gepflogenheiten der Niederländerinnen und Niederländer. Die machen nämlich einiges gleich wie wir. Aber noch viel mehr machen sie komplett anders.

So, und bevor ich beginne, möchte ich noch mit einer Unklarheit aufräumen: Ich habe hier absichtlich NIEDERLÄNDISCH geschrieben und nicht HOLLÄNDISCH. Bezeichnet niemals einen Einwohner der Stadt Maastricht als Holländer! Er ist zwar sehr wohl ein Niederländer, aber ganz bestimmt kein Holländer! Holland ist nämlich nur ein Teil der Niederlande und für seine Klischees bekannt wie blühende Tulpenfelder, Käse, Windmühlen, flaches Land, von Kanälen durchzogene Städte… Alles Dinge, die man rund um Maastricht so ziemlich vergebens sucht. Und wir Schweizer möchten uns ja auch nicht gerne pauschal als Berner oder gar als Zürcher (auweia!) bezeichnen lassen, oder?

Niederlande mit Holland gelb eingefärbt

Nun noch ein Brocken Geographie: die Niederlande ist etwa gleich gross wie die Schweiz, liegt auf einer Europakarte ungefähr links oben und wird umzingelt von den Belgiern im Süden, von den Deutschen im Osten und vom Wasser der Nordsee und des Wattenmeers im Westen und Norden. Das Land wird von knapp 17 Millionen mensen (Menschen), rund 20 Millionen varken (Schweinen) und etwa einer Million schapen (Aussprache: s-chapen, Schafen) bevölkert. Knapp ein Drittel des Landes hat eine negative Meereshöhe.

Schapen

Jetzt schauen wir uns mal den Tagesablauf eines Beispielniederländers an. Wir nennen ihn mal Jaap. Früh morgens kriecht Jaap aus seinem bed und setzt sich an den tafel, um sein ontbijt (ontbeit), also sein Frühstück zu sich zu nehmen. Zum niederländischen ontbijt gehört in jedem Fall hagelslag (hachelslach). Was wie eine Unwetterfront klingt, sind in Wirklichkeit braune oder farbige Schokolade- oder Zuckerstückchen, die wir bei uns als Streusel kennen. Wir verzieren damit unsere Kuchen, Jaap schüttet sie in grosszügigen Mengen auf sein Butterbrot. Dazu gibt’s een kopje thee, ein Tässchen Tee.

Hagelslag

Nach dem ontbijt geht’s zur Arbeit und zwar auf dem fiets (fiiz), dem Fahrrad. Fietsen, also radeln, gehört in den Niederlanden zu den Alltagsbeschäftigungen. Vielleicht fietst Jaap an einem Haus vorbei, an dem ein Schild mit der Aufschrift huren prangt. Werden hier etwa Dienstleistungen aus dem Rotlichtmilieu angeboten? Weit gefehlt! Huren (hüüren) bedeutet nichts anderes als mieten. Huis te huur (höis te hüür) heisst also Haus/Wohnung zu vermieten.

Huis te huur

Jaap erreicht sein werk, also seine Arbeitsstelle und beginnt mit – einer vergadering (verchadering), einer Sitzung. In niederländischen Firmen sind vergaderingen sehr beliebt, sie dauern häufig eine halbe Ewigkeit und auch die Telefonistinnen und Lehrlinge sitzen mit am Tisch und werden nach ihren Meinungen gefragt. Überhaupt sind die Hierarchien in niederländischen Firmen vergleichweise flach.
Zum Mittagessen verzichtet Jaap in der Regel auf ein warmes Essen, sondern begnügt sich mit einem schnellen Imbiss. Besonders gerne mag er broodjes met kaas (Belegte Brötchen mit Käse) und dazu een glas melk (en chlas mellek), das bei uns eher zum Frühstück als zum Mittagessen passt. Aber das Mittagessen ist in den Niederlanden lediglich eine Zwischenmahlzeit und wird deshalb häufig als lunch bezeichnet.
Im Frühling, wenn es Nieuwe Haring (neuen Hering) gibt, genehmigt sich Jaap auch gerne solch einen Fisch mit uien (öien, Zwiebeln), den er sich von oben in den Mund gleiten lässt.



`s Middags (smiddachs), also nach dem Essen, müsste Jaap eigentlich wieder zur Arbeit; doch weil heute so schönes und heisses Wetter ist, nimmt er frei und geht zum Baden aan een meer (an einen See) oder aan de zee (ans Meer). Nein, ich hab die Übersetzungen nicht vertauscht, was für uns ein See ist, ist für die Niederländer tatsächlich ein meer und umgekehrt. So heisst das Mittelmeer auf niederländisch de Middellandse Zee (de middellandse see) und der Genfer See het Meer van Genève. Also, aufpassen!

Nordseeküste

Het avondeten (das Abendessen) ist die Hauptmahlzeit der Niederländer. Jetzt wird so richtig deftig gegessen, es gibt zum Beispiel stamppot, ein Gemüseeintopf mit Fleisch, der so lange gekocht wird, dass das Essen matschig ist und problemlos mit der Gabel zerdrückt werden kann. Vorab gibt es etwa erwtensoep (ertensup), also ein heisses Erbsensüppchen. Als toetje (tutje, Nachtisch) gibt es vla, eine süssliche Speise, die an Pudding erinnert.

Stamppot

 Vor dem Sprung ins Bett genehmigt sich Jaap noch een kopje koffie, ein Tässchen Kaffee, möglichst im Kreise der Familie oder von Freunden bij een gezellig praatje (bei en chesellech praatje), einem geselligen Geplauder. Dann ist’s Zeit zum Schlafen, welterusten (welterüsten, Gute Nacht)!

So, ich glaube, für heute tut’s das. Falls euch diese kleine Niederländisch-Lektion gefallen hat, schreibe ich demnächst mal eine kleine Fortsetzung. Bis dahin gebe ich euch gerne noch eine kleine Übung auf den Weg:
Vor Jahren bin ich bei einer Niederländisch-Lektion einmal über das niederländische Wort für Haftpflichtversicherung gestolpert, an dem ich mich über Tage abgemüht habe. Gerne lasse ich euch an diesem Wort mal die Zähne ausbeissen. Geschrieben wird es so:

Aansprakelijkheidsverzekering.

Und hier noch eine kleine Aussprachehilfe: Ansprakelekheidsversekering.


Also, übt schön, und passt mir auf, dass ihr keine Knoten in die Zunge bekommt!

Donnerstag, 31. Juli 2014

Auf Wiedersehen, geliebte Mama!

Es ist niemals einfach, einen geliebten Menschen los zu lassen. Heute musste ich meine Mama zu Grabe tragen. Es war ein sehr schwerer Tag für mich; wenn auch viele liebe Menschen da waren, die mir Mut zusprachen. Zuletzt habe ich meiner Mama ein Brieflein aufs Grab gelegt. Ein Brieflein mit folgendem Inhalt:



Mein geliebtes Mami

Noch am Samstag habe ich Dich gedrückt und jetzt bist Du schon nicht mehr bei mir. Mein Schmerz ist so gross, dass ich Dich nie mehr in meinen Armen halten kann. Du warst so ein wichtiger Teil meines Lebens, dass ich mir nur schwer vorstellen kann, wie mein Leben ohne Dich sein wird. Ich vermisse Dich jetzt schon so sehr!
Seit deiner schweren Erkrankung vor vier Jahren wusste ich ja, dass dieser Tag kommen würde und dass er wahrscheinlich viel zu früh kommen würde. Und doch trifft er mich jetzt so unvorbereitet. Ich hatte die Hoffnung nie aufgegeben, dass Du noch einmal gesund werden würdest. Zumindest so, dass wir beide zusammen noch nach Holland hätten fahren können. So gerne hätte ich Dir doch die blühenden Tulpenfelder gezeigt. Ich weiss, dass Dir das enorm gefallen hätte. Leider war uns das nicht vergönnt.
Ich habe unsere gemeinsame Zeit immer sehr genossen und es war für mich immer wieder eine besondere Freude, Dich in Deinem kleinen Paradies zu besuchen, wie Du Deine wunderschön eingerichtete Dachwohnung genannt hast. Dort hast Du immer so gerne liebe Gäste empfangen. In wenigen Tagen wird Deine Wohnung geräumt sein und die wunderbaren Einrichtungsgegenstände werden verstreut sein. Deshalb habe ich ganz alleine noch einmal in deiner Wohnung übernachtet; einfach, um die unvergleichliche Atmosphäre zu spüren und mich von Deinem kleinen Paradies zu verabschieden. Es war nicht einfach für mich, schliesslich erinnert alles an Dich, selbst der Geruch. Und Du bist nicht mehr da. Trotzdem war es wichtig für mich.
Für mich geht jetzt ein ganz anderes Leben los. Nie mehr wird Dein Name auf dem Display meines Handys erscheinen und meine Besuche bei Dir, traditionell immer am Dienstag- und Samstagabend wird es nicht mehr geben. Und wie wird es an Weihnachten sein? Weihnachten, das Fest, das Du immer so geliebt hast und das wir beide immer zusammen verbracht haben. Den Gottesdienst an Heilig Abend, den wir immer besucht haben. Wie wir zusammen Weihnachtslieder gespielt und gesungen haben. Es wird schwer werden für mich. Aber ich werde dann meine Wohnung mit Deinem Weihnachtsschmuck schmücken, so wie Du Deine Wohnung immer geschmückt hast. Und dann wirst Du bei mir sein, einfach in meinen Gedanken und ich werde mich an vergangene Zeiten erinnern.
Ich habe Dich in der Aufbahrungshalle besucht. So friedlich bist du da gelegen in deinem hübschen Sommerkleid, das Claudia für Dich ausgesucht hat. Mit einer rosaroten Rose in der Hand, wie Du es gewünscht hast. Dieser Anblick hat mich geschmerzt, aber ich habe auch Dankbarkeit gespürt. Dankbarkeit, dass ich Dein Sohn sein durfte. Du hast Dein Leben vor allem für Deine Kinder gelebt. Bitte verzeih uns, wenn wir Dir dafür nicht immer die nötige Dankbarkeit entgegengebracht haben. 34 Jahre lang hast Du mich begleitet, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Immer hast Du mir Deine Liebe und Deine Wärme gegeben. Immer hast Du mir Dein Verständnis entgegengebracht. Deshalb habe ich mich vor Dir verbeugt, bevor ich die Aufbahrungshalle verlassen habe. Denn Du bist ein Mensch, der es verdient, dass man vor ihm in die Knie geht.
Liebes Mami, Du bist auf Deine letzte Reise gegangen, und Du hinterlässt hier eine riesengrosse Lücke. Ich weiss, dass ich noch oft um Dich weinen werde. Aber ich bin auch dankbar, dass Du von Deinem Schmerz erlöst wurdest. Es war für mich enorm schwer, Dich so leiden zu sehen. Doch auch wenn Du nicht mehr da bist, in meinen Gedanken wirst Du immer bei mir sein. Am Himmel werde ich Deinen Stern sehen und in meinem Herzen wird für Dich immer ein ganz grosser Platz frei sein, egal, was auch passieren möge. Ich bin davon überzeugt, dass wir uns irgendwann wieder sehen werden, und das gibt mir Trost. Bis dahin werde ich versuchen, so zu leben, wie Du es mir beigebracht hast. So, dass Du stolz sein kannst auf mich.

Sei ganz lieb umarmt

Dein Dich liebender Sohn Christian



Zum Schluss möchte ich noch folgendes sagen: wenn ihr noch eine Mutter habt, dann geht zu ihr und schenkt ihr eine innige Umarmung. Es kostet euch nichts und schon morgen könnte es zu spät sein!


Das Grab meiner Mama

Dienstag, 8. April 2014

Von Kuhglocken und Kirchglocken - und deren Schlägen

Kürzlich war ich für einen Kundenbesuch bei einem Bauern im Bernbiet. Und ich kann euch sagen, es war ein höchst amüsanter Besuch! Nicht etwa, weil sein technisches Problem so interessant war; nein, vielmehr wegen folgendem Dialog (für all jene, die des berndeutschen Dialekts nicht ganz so mächtig sind, habe ich in Klammern die Übersetzung ins Standarddeutsche angefügt):

„Gseht ehr das Eifamiliehuus det ar Strass vore?“ (Sehen Sie das Einfamilienhaus dort vorne an der Strasse?)
„Ja.“
„Det esch chörzlich so nen Zörcher izoge.“ (Da ist kürzlich ein Stadtmensch eingezogen.)
„U näär het dä ds Gfüu gha, är müess sech be mer öber d Glogge vo mine Chüe beschwäre!“ (Er hatte die Freundlichkeit, mir ein Feedback zu den Glocken meiner Kühe zu geben.)
„Ju, dem hani denn d Chottle potzt!“ (Ich habe ihn höflich auf die hiesigen Gepflogenheiten aufmerksam gemacht.)
„E ha dere Zürischnure gseit, är söu zersch emol aschtändigs Bärndütsch lere, bevor er hie chonnt siner Aschpröch cho stelle.“ (Ich habe diesem städtisch Schwätzenden empfohlen, berndeutsch zu lernen, um seine Anliegen ohne Missverständnisse darlegen zu können.)
„U wenn em d Glogge vo mine Chüe ned passe, chan är ja gärn weder of Zöri de Stadtlärm ga lose. Mer wäre hie ömu ned onglöcklech dröber.“ (Wenn die Glocken meiner Kühe leiser sind als der Stadtlärm würde uns das nicht unglücklich stimmen.)



Irgendwie erinnert mich dieser Fall an die Geschichte eines in der Schweiz wohnhaften Niederländers, der sich neben einer Kirche niedergelassen hat, um sich danach über die andauernd läutenden Kirchturmglocken zu nerven. Wobei es nicht überaus erstaunlich ist, das sich Niederländer, die sich die lieblichen Glockenspiele der niederländischen Kirchen gewohnt sind, über hiesige kompromisslose Glockenschläge wundern.



Was lernen wir also aus diesen Geschichten? Wer neben eine Kirche zieht oder hinaus aufs Land, muss mit Schlägen rechnen! Nun ja, ich meine mit Glockenschlägen, sei es von Kuh- oder Kirchturmglocken.
Und als Erkenntnis Nummer zwei können wir festhalten, dass die Missverständnisse zwischen (Stadt-) Zürchern und (Land-) Bernern sich auf ähnlichem Niveau bewegen wie zwischen (Flach-) Niederländern und (Berg-) Schweizern.
Und die dritte Erkenntnis: Meinungen zwischen Stadtlärm und Landruhe, zwischen Kuhglocken und Kirchturmglocken gehen weit auseinander. Zum Glück, sonst würden mir noch die Themen für meinen Blog ausgehen.

Und das wäre doch schade, oder?

Mittwoch, 19. Februar 2014

Gummiball und Leichtstahlzüge - der Geschmack der 80er

Damals, tief in den 80ern, als wir Kinder noch Biene Maja schauten auf den verschneiten Analog-Bildröhren und als Sendungen wie „Verstehen Sie Spass?“ Mit Paola und Kurt Felix und viel zu bunten Bühnenkulissen über den Bildschirm flatterten; damals, als man noch auf Telefonzellen angewiesen war, wenn man mal eben schnell zu Hause anrufen wollte, Telefonzellen mit der Aufschrift „PTT“ und darunter: „Dänk dra – lüt a!“, damals tummelte sich ab und zu ein kleiner Junge am Bahnhof im luzernischen Sursee. Ganz alleine war er da, fortgeschlichen von zu Hause und staunte über die mächtigen grünen Lokomotiven mit dem Schweizer Kreuz vorne drauf. Er beobachtete, wie Züge durchfuhren, wie sie hielten und wieder wegfuhren. Wie Güterzüge lärmig vorbei ratterten, wie Reisende aus- und einstiegen.

Damals am Bahnhof Sursee mit Dampfzug der Sursee-Triengen-Bahn


Dieser kleine Junge war ich und – ja, Mami, es tut mir ja leid, dass du dir manchmal Sorgen machen musstest, weil du nicht wusstest, wo ich war. Aber zumindest wusstest du, dass du immer zuerst am Bahnhof nach mir suchen musstest!


Typisch für die 80er: Ae 4/7 vor Güterzug

Die grossen Züge waren schon damals die Welt des kleinen „Chrigeli“. Damals war alles anders als heute. Vor den Güterzügen standen noch Ae 4/7 im Einsatz, eine Lokomotive, die ich damals als „das kleine Krokodil“ bezeichnete, obwohl es mit der richtigen Krokodillok eigentlich nicht viel gemein hatte. Die Bummelzüge bestanden aus Leichtstahlwagen mit Mitteleinstieg, gezogen von Re 4/4 I. In diesen Wagen roch es immer genau gleich, nach Eisenbahn einfach! An den Wänden hingen Schwarz-weiss-Fotos mit Sujets aus der Schweiz und in den Abteilen hingen blaue Glühbirnen (wie ich später erfuhr die sogenannte „Kriegsbeleuchtung“, um bei Fliegeralarm nachts nicht als leuchtende Zielscheibe durch die Gegend zu fahren). Auf den Bahnsteigen gab es noch keine Linien, hinter die man sich stellen musste, keine elektronischen Zielanzeigen und die Lautsprecherdurchsagen wurden noch live gesprochen und kamen nicht vom Band. Überall standen noch diese grossen Gepäckkarren rum mit den vier grossen Rädern und der breiten Ladefläche, wo man sich so wunderbar hinsetzen konnte. Und manchmal tuckerte der Dampfzug der Sursee-Triengen-Bahn heran, hüllte den Bahnhof in Rauch und brachte diesen unverwechselbaren Geruch mit; ein Gemisch aus verbrannter Kohle und Schmierstoff.


Kindheitserinnerungen: Leichtstahlzug mit Re 4/4 I

Der Kiosk war noch ein einfacher Stand, den Gleisen zugewandt und es gab dort nur Zeitungen, Zeitschriften und Süssigkeiten zu kaufen. Und Gummibälle. 1987 kaufte ich mir einen orangen Gummiball an genau jenem Kiosk für 2 Franken 50. Ich musste auf die Zehenspitzen stehen, um an den Ball zu kommen, nachdem ich der Kioskfrau die lange ersparten Münzen in die Hand gedrückt hatte.


Es war eine so unbeschwerte Zeit! Dabei war schon damals die Welt nicht mehr in Ordnung. Europa war zweigeteilt in westliche und kommunistische Staaten, die die Meinungsfreiheit unterdrückten. Es wurde diskutiert, ob man das Gemüse noch essen dürfe nach der Katastrophe im fernen Tschernobyl, dort, bei den Kommunisten. Und das Wort „Waldsterben“ war in aller Munde.


Doch das alles beschäftigte nur die Erwachsenen, an mir ging das vorbei. Ich hatte ja meine Züge, und die forderten meine ganze Aufmerksamkeit. Und wenn ich heute auf meiner Modelleisenbahnanlage dem Modell-Bummelzug mit Re 4/4 I und Leichtstahlwagen zuschaue, wie er seine Runden dreht, dann bin ich wieder der kleine Junge aus den 80ern. Als ob die Zeit stehen geblieben wäre.


Leichtstahlzug auf meiner Modellbahn

Wie wäre es doch schön, noch einmal dorthin zurückkehren zu können! Nur für einen Tag! 
Oder ja, vielleicht auch für zwei!

Donnerstag, 16. Januar 2014

Tulpenmanie und Goldwahn

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts brachten Niederländische Seefahrer ein paar unscheinbare Zwiebeln von ihren Fahrten nach Hause. Die daraus spriessenden Tulpen wurden gezüchtet, wurden zu Liebhaber- und später auch zu Spekulationsobjekten. Die Preise für spezielle Tulpenzüchtungen erreichten ungeahnte Höhen, zu Beginn des Jahres 1637 wurden prunkvolle Häuser an bester Lage gegen einige wenige Tulpenzwiebeln in Zahlung gegeben.

Dann, im Februar 1637 platzte die Blase. Es fanden sich keine Käufer mehr, die bereit waren, die massiv überteuerten Tulpenzwiebeln zu kaufen und die Zwiebeln verloren innert weniger Wochen rund 95% ihres Wertes. Man spricht noch heute vom ersten Börsencrash der Geschichte. Manch ein Händler verlor dabei sein ganzes Vermögen.

Tulpenfeld in Holland


Jetzt mögen wir vielleicht sagen: ja, wie dumm muss man denn sein, wenn man sein Haus gegen ein paar Zwiebeln tauscht? Aber wer beobachtet, wie jemand für drei Zwiebeln ein Pferd bekommt, eine Woche später die gleichen drei Zwiebeln für ein Fuhrwerk samt Ochse den Besitzer wechseln und wieder eine Woche danach jemand sein Häuschen auf dem Land für die selbigen drei Zwiebeln hergibt, ist es nur menschlich die folgende Gleichung zu machen: nächste Woche tausche ich meine Windmühle gegen diese drei Tulpenzwiebeln und eine Woche später bekomme ich eine ganze Strasse dafür!


Wer jetzt aber denkt, dass sich so etwas heute auf keinen Fall mehr wiederholen könnte, der sei sanft an den Goldpreis erinnert. Seit dem Jahre 2000 stieg der Goldpreis von knapp 300 USD auf 1900 USD im Spätsommer 2011. Dass die Kurve im folgenden Jahr alles andere als bullisch daherkam, scheint den meisten Analysten entgangen zu sein und die fallenden Preise wurden zunächst noch als harmlose Korrekturbewegung und willkommene Nachkaufgelegenheit angesehen. Bis der Goldpreis im Frühsommer 2013 auf 1180 USD hinunter rasselte. Okay, das sind keine 95% Wertverlust, aber irgendwie gleichen sich die Bilder der Tulpenmanie aus dem 17. Jahrhundert und des Goldwahns im 21. Jahrhundert doch verdächtig stark. Meines Erachtens war der Goldpreis 2011 einfach massiv überbewertet, da ist der momentane Preis bei rund 1250 USD schon bedeutend realistischer.


Goldbarren


Stellt sich nun noch die Frage, ob die Menschheit eigentlich nichts aus der Vergangenheit lernt. Wenn es um Geld geht, scheint unsere Spezies tatsächlich eine gewisse Lernresistenz zu entwickeln. Und so wie wir uns heute an den Kopf reichen, wenn wir an die „Deppen“ denken, die bei der Tulpenmanie reingefallen sind, so denken in ein paar hundert Jahren vielleicht unsere Nachfahren an die „Blödmänner“ aus dem 21. Jahrhundert, die so dämlich waren, ihre Häuser gegen einen Block gelbes Metall zu tauschen. Zumal ein Haus seinen Bewohner vor Regen, Wind und Kälte schützt, während dieser Metallblock keine dieser Vorzüge hat.

Na ja, vor Regen könnte er vielleicht einigermassen schützen, wenn man ihn über den Kopf hält. Und wenn man stark genug ist, ihn nicht fallen zu lassen. Sonst würde man nämlich von seinem eigenen Reichtum erschlagen. Zum Glück kaufen die meisten Händler heute nur noch Buchgold, das doch einiges an Masse weniger mitbringt als ein Goldbarren.


Und noch ein Tipp zum Schluss: Tauschen Sie Ihr Haus weder gegen Tulpenzwiebeln noch gegen einen Goldbarren. Sie könnten es vielleicht bereuen!

Montag, 23. Dezember 2013

„Sie, wo geht’s denn hier zum Reichsmuseum?“

Beim Vorhang links! Oh, pardon, ich wollte Sie nicht verarschen. Im Gegensatz zu anderen…

Aber fangen wir doch von vorne an. Vor einiger Zeit hatte ich eine Lesung in Basel und las dort aus meinem Buch „Das Geheimnis vom IJsselmeer“. Eingeladen wurde ich von der Gesellschaft Schweiz-Holland, Sektion Basel. Erwartet hatte ich etwa 20 Zuhörer, schliesslich waren es jedoch fast 60, der Saal war riesig, Mikrofon gab es keines, weshalb ich so laut sprach, dass ich schlussendlich fast heiser war. Und das Publikum war wahrlich hochkarätig! Der Niederländische Generalkonsul war anwesend und neben mir sass ein Professor für spanische Literatur, welcher an der Universität Basel arbeitet.
 
Mein Buch
 
 
Der Rest des Saales war hauptsächlich von Niederländerinnen und Niederländern besetzt. Niederländer, die der deutschen Sprache zumindest einigermassen mächtig sind – sozusagen das Zielpublikum für mein Buch!

Es wurde dann auch eine recht erfolgreiche Veranstaltung, über 10 Bücher konnte ich verkaufen. Und das anschliessende Essen – eine Indonesische Rijsttafel – war ausgezeichnet. Doch dann war da eben noch diese Anekdote mit dem Reichsmuseum…

Nun, einige Leser meines Buches sind der Ansicht, dass die Deutschen in meinem Buch ein bisschen schlecht wegkämen. Nun ja, so schlimm kann’s nicht sein, schliesslich wurde das Buch von einem deutschen Verlag herausgegeben und der Lektor, der ebenfalls der deutschen Nationalität angehört, hat sich auch nicht beschwert. Aber in meinem Buch wird ab und zu der Zweite Weltkrieg angeschnitten und dass die Deutschen in dieser Periode nicht gerade eine überaus glorreiche Figur abgegeben haben, ist weiss Gott nicht mein Fehler. Auf jeden Fall habe ich an jenem Abend noch ein persönliches Erlebnis erzählt, das ich einmal mit einem arroganten Deutschen in den Niederlanden hatte. Dieser Tourist steuerte gezielt auf mich zu und rief schon von weitem: „Sie, wo geht’s denn hier zum Reichsmuseum?“ Ja, hallo, wie wär’s zuerst mal mit „Guten Tag“ oder so? Aber das dachte ich nur und sagte es nicht. Egal, ich erklärte ihm dann den Weg und bereue es noch heute, dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte, als er merkte, dass ich ihn statt zum Reichsmuseum zum Zoo geschickt hatte…

Ich habe ehrlich gesagt nicht unbedingt damit gerechnet, dass Angehörige der deutschen Nationalität im Publikum sitzen. Die betreffende Dame jedoch hat sich im Anschluss energisch bei mir beschwert. Dabei habe ich doch nur ein persönliches Erlebnis erzählt!

Irgendwann kam noch die Frage aus dem Publikum (ich glaube, sie kam vom Konsul), wo ich die Gemeinsamkeiten zwischen den Schweizern und den Niederländern sähe. Ehrlich gesagt, auf die gegenteilige Frage wäre ich besser vorbereitet gewesen. Aber Gemeinsamkeiten haben wir so viele! Wir sind beides Menschen, leben beide in Europa, wohnen beide in Häusern, fahren beide mit der Eisenbahn, dem Auto und dem Fahrrad (wobei die Niederländer bei letztgenanntem Fahrzeug sicherlich die Nase vorne haben), benützen zum Schlafen beide ein Bett,… und bevor ich meinen letzten Leser verliere, breche ich jetzt hier ab.

Etwas, das die Schweiz und die Niederlande ganz speziell verbindet, ist der Rhein. Dieses blaue Band, das die beiden Länder wie eine Paketschnur aneinanderbindet, auch wenn der Fluss beim Queren der deutsch-niederländischen Grenze den Namen wechselt und als „Waal“ die letzten gut 100 Kilometer bis zur Nordseemündung zurücklegt. Ja, wenn ich in Solothurn in die Aare spucke, kann es sein, dass zwei Wochen später ein niederländischer Fisch an meinem Schleim erstickt. Und wenn nicht, wird meine Spucke an Rotterdam vorbei in die Nordsee gespült, bei Hoek van Holland und landet am Schluss vielleicht am nahen FKK-Strand. Doch was dort mit meiner Spucke geschehen könnte, darüber breiten wir jetzt den Mantel des Schweigens, bevor es hier noch zu Sauereien kommt.

Ja, was bleibt als Fazit? Ein herzlicher Dank an die Gesellschaft Schweiz-Holland für die Einladung! Und für alle Deutsche noch folgender Hinweis: Arroganz ist keine Frage der Nationalität, sondern der persönlichen Einstellung. Ich kenne auch arrogante Schweizer und Niederländer, dafür bin ich schon unzähligen sehr netten Deutschen begegnet. Na ja, sagen wir, zumindest einigen.

Ach, Sie haben mein Buch noch gar nicht gelesen? Das nenne ich aber eine Bildungslücke! Aber Sie können das nachholen! Klicken Sie hier für nähere Infos!

Sonntag, 10. November 2013

"Es isch nümm wie aube"

Oder für alle, die des berndeutschen Dialekts weniger mächtig sind: Es ist nicht mehr wie früher. Oder auch: Früher war alles besser. Solche Sätze hört man oft. Doch ist das wirklich so? War früher wirklich alles besser?
 
Um das zu beurteilen, müsste man erst einmal wissen, was heute denn als besonders schlecht beurteilt wird. Vielleicht die Arbeitslosenquote? Die Kriminalität? Die höheren Lebenskosten? Der Stress? Die vielen Asylbewerber? Die heutige Jugend ohne Anstand? Die überrissenen Managerlöhne? Die Weltwirtschaftskrise? Vielleicht sehnen wir uns auch an jene Zeit zurück, als noch Dampfzüge gemütlich durchs Land tuckerten und als die Kinder (also wir damals) noch draussen mit Freunden spielten und herumrannten anstatt vor dem PC zu sitzen. Als wir noch miteinander sprachen anstatt zu chatten und SMS zu schreiben.
 
War früher also wirklich alles besser? Stichwort Arbeitslosenquote: Sie war schon immer Schwankungen unterworfen. 1937 beispielsweise lag die Arbeitslosenquote in der Schweiz bei 4.5%, 1997 bei knapp 6% und heute liegt sie bei ca. 3%. Dazwischen gab es immer wieder Phasen, wo sie zwischen 0 und 1% lag, nach dem Zweiten Weltkrieg mussten sogar tausende ausländische Arbeitskräfte in die Schweiz geholt werden (vornehmlich aus Italien), um den Bedarf der schnell wachsenden Wirtschaft zu decken.
 
Stichwort Kriminalität: Sie mag in den letzten Jahrzehnten tatsächlich gestiegen sein. Jedoch gab es auch früher in der Schweiz immer wieder Gewaltexzesse. Terror in der Schweiz: 1969 Attentat in Kloten auf israelisches Flugzeug; 1970 Anschlag auf Swissair-Maschine, welche danach bei Würenlingen abstürzte, 47 Tote. Unruhen: Landesgeneralstreik in der Schweiz 1918; hunderttausende Menschen waren unzufrieden wegen sozialer Ungerechtigkeit, Armut und Existenznöten. Und das in der „guten alten Zeit“. In den frühen 1980er Jahren kam es zu Jugendunruhen in Zürich mit hunderten von Verletzten, Vandalismus und Sachschäden in Millionenhöhe. Kindsentführungen: In den 1980er Jahren verschwanden in der Schweiz etliche Kinder spurlos, von einigen wurden später die Leichen gefunden, mehrere blieben verschollen. Viele Fälle sind bis heute ungeklärt.
 
Landesstreik 1918 - Armeeangehörige bewachen die Eingänge des Bundeshauses vor dem wütenden Volk
 
Stichwort Asylbewerber: Auch hier gab es immer wieder Flüchtlingswellen. 1956 flohen 12‘000 Ungaren in die Schweiz, 1968 ebensoviele Tschechoslowaken nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. In den 1970er und 80er Jahren kamen über 8000 Vietnamesen. Und auch damals gab es schon Spannungen und Ängste in der Bevölkerung.
 
Stichwort heutige Jugend: Bereits vor zweieinhalbtausend Jahren sollen sich griechische Denker und Schriftsteller über den Zerfall von Sitten und Respekt bei der „heutigen Jugend“ beschwert haben. Es scheint normal zu sein, dass Alte in jeder Epoche über die aktuelle Jugend jammern. Bestimmt ist auch die jugendliche 68-Bewegung bei der älteren Bevölkerung nicht auf übermässig viel Verständnis gestossen.
 
Stichwort Weltwirtschaftskrise: die gab es immer wieder. Um 1930 ereignete sich ein enormer Börsencrash, der auch in der Schweiz zu vielen Arbeitslosen führte. Bereits im 17. Jahrhundert bildete sich in Holland eine Blase, als die Tulpenpreise astronomische Höhen erreichten, bis sie auf einmal in den Keller fielen. In unserer Zeit ist es der Goldpreis, der in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist, um dann im Frühjahr 2013 rund einen Drittel seines Wertes zu verlieren. Die Bilder gleichen sich. Haben wir eigentlich nichts aus der Geschichte gelernt?
 

Rümlingen an der alten Hauensteinstrecke während dem Dampfzeitalter
 
Bestimmt waren früher einige Dinge besser als heute. Die Kinder heute sind im Durchschnitt schwerer und unsportlicher als früher. Ja, vor PC konnten wir nicht sitzen, den gab es damals ja noch nicht. Wir spielten lieber draussen. Natürlich war die Zeit damals weniger stressig, natürlich ging die Lohnschere weniger weit auseinander, natürlich war das Bahnfahren mit den Dampfzügen noch ein Erlebnis. Trotzdem ist der ÖV heute viel dichter und die Niederflurzüge, -trams und –busse ermöglichen auch behinderten Menschen ein gewisses Mass an Freiheit, wie es früher nicht üblich war. Die medizinische Versorgung ist heute besser; Pandemien wie die Spanische Grippe 1918, welche alleine in der Schweiz über 24‘000 Tote forderte, würden heute wohl bedeutend glimpflicher verlaufen.
 
Aber es gab auch ganz dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte, zum Beispiel jenes der Verdingkinder; Kinder, welche bis in die 1960er Jahre von fremden Familien teilweise wie Sklaven gehalten, erniedrigt, ausgebeutet und missbraucht wurden. Unverheiratete Frauen wurden ihrer Kinder beraubt und häufig als Zwangsmassnahme sogar sterilisiert. In einigen Kinderheimen wurden Kinder mit Gewalt konfrontiert, missbraucht und teilweise sogar richtiggehend gefoltert. Und das in der „guten alten Zeit“. Die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels hat erst vor kurzem begonnen.
 
Wo also ist die gute alte Zeit? Warum finden wir sie nicht? Weil es sie nie gab! Jede Zeitepoche hat ihre positiven und ihre negativen Seiten, die vergangenen genauso wie die heutigen. Und trotzdem ist es doch so schön, von guten alten Zeiten zu träumen!
 
Halten wir doch einfach die positiven Seiten vergangener Tage in guter Erinnerung und erfreuen wir uns an den positiven Seiten der heutigen Zeit. Und vielleicht werden es einmal unsere Kinder sein, die irgendwann sagen werden: „Damals, 2013, als ich noch ein Kind war, da war die Welt noch in Ordnung…“

Montag, 4. November 2013

Zeeland

"Erik bleibt noch einige Minuten am Strand sitzen und geniesst den Blick hinaus auf die Wasserfläche. Als er nach rechts schaut, sieht er eine grosszügige Wehranlage. Das muss jenes Werk sein, von dem der Kirchturmeintrittskartenverkäufer in Middelburg gesprochen hat. In regelmässigen Abständen gibt es eine Art Turm, worauf es jeweils zwei lange, senkrecht aufgerichtete Stangen oder Rohre gibt. Sie sehen aus wie Schornsteine, doch Erik vermutet, dass diese Dinger eine andere Funktion haben. Er geht jedenfalls nicht davon aus, dass das Flutwehr dampfbetrieben ist."

Aus: Das Geheimnis vom IJsselmeer, ISBN 9783944224701

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Oosterscheldekering in Zeeland

Dienstag, 8. Oktober 2013

"Sammlet ehr Märggeli?"

Neulich an der Kasse eines Grossverteilers. Vor mir eine Dame im Rentenalter, die offenbar gerade ihren Montagvormittagseinkauf erledigt. Oder eher ihren Montagmittagseinkauf, schliesslich ist es kurz vor halb eins. Hinter mir ein Mann im erwerbstätigen Alter, der nur ein Getränk und ein Sandwich auf das Band legt.

Die Kassiererin scannt die Artikel der älteren Dame, eines ums andere, mit Bewegungen, welche irgendwie mechanisch wirken. Zwieback, ein Frühstücksmüesli, Lippenstift …? Mein Blick wandert automatisch zum Mund der Dame. Hm, muss für ihre Tochter sein…

Die Kassiererin nimmt den letzten Artikel in die Hand. Doch der Scanner erfasst das Ding nicht. Offenbar wurde die Etikette mit dem Barcode auf diesem Hinterschinken – beziehungsweise auf seiner Verpackung – nicht sorgfältig genug aufgeklebt. Sie nimmt den Handscanner und lässt das rote Licht aus den unterschiedlichsten Winkeln auf den Barcode fallen. Kein Erfolg; auch nicht, nachdem sie energisch über das Etikett gerieben hat.

Obwohl ich hinten keine Augen habe, spüre ich förmlich, wie der Typ hinter mir auf die Uhr schaut. Es ist naheliegend, dass er einfach möglichst schnell sein Sandwich verdrücken und dann wieder zu seiner stressigen Arbeit will. Inzwischen hat die Kassiererin den Code manuell eingetippt und verkündet die Summe, gefolgt von der Frage: „Heit ehr no en Supercard?“

Die Rentnerin nickt und macht sich in ihrem Portemonnaie auf die Suche nach besagter Karte. Mein Gott, weshalb beherbergt das Portemonnaie einer Dame dieser Altersklasse einen derartigen Kärtchenwald? Die Suche zieht sich in die Länge, während ein leises Trommeln an mein Ohr dringt. Ich blicke kurz über meine Schulter. Der Mann hinter mir trommelt mit den Fingerspitzen auf das Band. Nervosität liegt in der Luft.

Endlich findet die Dame ihre Supercard, zwischen der Visitenkarte ihrer Spitex-Betreuerin und der Kundenkarte eines anderen Grossverteilers. Die Karte wechselt in die Hand der Kassiererin, wird gescannt und wandert wieder zur Kundin zurück, welche sie äusserst sorgfältig verstaut, um sie nächstes Mal schneller wieder zu finden. Dann ergreift sie eine Hunderternote und übergibt sie der Kassiererin, um gleichzeitig zu verkünden: „Fünfunddreissig Rappen habe ich noch!“

Sie öffnet das Münzfach ihres Portemonnaies und dreht und wendet das Ding, offenbar, um ein wenig mehr Licht zu erhaschen. „Ach, ich sehe einfach nicht mehr gut!“, jammert sie und kurzerhand leert sie den gesamten Inhalt des Münzfaches auf den Tresen. Gleichzeitig höre ich hinter mir einen langgezogenen Seufzer, dann spüre ich warmen, nicht gerade geruchsneutralen Atem in meinem Nacken.



Ein Einfränkler fällt herunter, kullert über den Boden und bleibt vor meinen Füssen liegen. Ich habe ihn auf und halte ihn der alten Dame hin. „Der ist Ihnen runtergefallen.“ Die Kassiererin hat inzwischen 35 Rappen aus dem Münzhaufen entnommen und bittet die Kundin, den Rest wieder einzupacken. Kurz darauf reicht sie ihr das Retourgeld zusammen mit der Kassenquittung.

Doch wer glaubt, dass das Einkaufserlebnis der Rentnerin damit zu einem Ende gekommen ist, sieht sich mit anderen Tatsachen konfrontiert. Erneut höre ich die Stimme der Kassiererin: „Sammlet ehr Märggeli?“, vorgetragen in einer Langsamkeit, wie es nur eine Bernerin hinkriegen kann. Und ja, natürlich sammelt die Kundin Märggeli, schliesslich sind wir ja ein Volk von Jäger und Sammlern. Langsam zählt die Kassiererin die Märggeli ab, reisst einige von der Rolle und übergibt sie der Kundin, um sich dann von ihr zu verabschieden und ihr einen schönen Tag zu wünschen, ohne ihr Gesprächstempo auch nur im geringsten zu steigern.

Kommt ihnen das bekannt vor? An der Supermarktkasse kommen eben die unterschiedlichsten Leute zusammen: der Achtjährige, der nur seinen Kaugummi kaufen will und die paar Zehnräppler schon auf den Tresen legt, lange bevor der Artikel gescannt ist. Die Oma, die für ihren täglichen Haushaltseinkauf alle Zeit der Welt hat und der gestresste Erwerbstätige, der selbst in der Mittagspause noch vom Stress verfolgt wird. Da ist wahrlich Toleranz gefragt. Vielleicht könnte man ja auch für einmal auf das Scannen der Supercard verzichten, wenn man sie nicht auf Anhieb findet, denn die paar Punkte, welche einem da durch die Lappen gehen, sollten eigentlich niemandem schlaflose Nächte bereiten. Und vielleicht könnte man den Stress ja auch einmal im Büro oder auf der Baustelle lassen? Wenn das nächste Mal Ihr Geschäftstelefon klingelt, lassen Sie es doch einfach einmal länger klingeln. Schliessen Sie kurz Ihre Augen und atmen Sie ganz tief durch. Falls das Telefon danach immer noch klingelt, können Sie den Anruf immer noch entgegen nehmen. Probieren Sie es aus! Es wirkt Wunder!

Und an der Supermarktkasse wünsche ich Ihnen viel Toleranz!

Und genauso viel Geduld!

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Ironie des Schicksals

Das Schicksal folgt manchmal einer komischen Logik. Nein, eigentlich folgt es überhaupt keiner Logik. Wie sonst lassen sich solche Schicksale erklären, wie das folgende, auf welches ich kürzlich gestossen bin?

Robert Douglas Spedden wurde am 19. November 1905 geboren und lebte zusammen mit seinen vermögenden Eltern in den USA. Den Winter verbrachte die Familie üblicherweise in Europa, so auch den Winter 1911/1912, als sie in der Mittelmeerregion unterwegs war. Im April machten sie sich auf die Heimreise. In Cherbourg bestiegen sie einen Liniendampfer nach New York. Der Name des Schiffes: Titanic. Es gibt ein Foto, das den kleinen Douglas an Deck des Schiffes zeigt, wie er mit seinem Kreisel spielt.

Douglas Spedden spielt an Deck der Titanic mit seinem Kreisel

Die nun folgende Schiffskatastrophe ist uns allen bekannt. Aber die Speddens hatten Glück: Die Mutter erwachte nach der Kollision mit dem Eisberg wegen den unüblichen Maschinengeräuschen. Sie verliess die Kabine und stellte fest, dass das Schiff bereits leicht in Schieflage war. Schnell weckte sie ihren Mann, ihren kleinen Sohn sowie die beiden jungen Frauen, die als Dienst- und Kindermädchen mit ihnen mitfuhren. Zusammen erreichten sie das Bootsdeck. Da sie früh dran waren, gelangten sie noch ohne Hektik in ein Rettungsboot und da zu diesem Zeitpunkt keine Frauen und Kinder in der Nähe waren, durfte auch der Familienvater einsteigen.

Der kleine Douglas zeigte sich offenbar ziemlich unbeeindruckt von der ganzen Katastrophe. Er soll im Rettungsboot fast die ganze Zeit verschlafen haben. Schliesslich gelangte die junge Familie unbeschadet nach Hause.

Als Erinnerung an diese Reise bekam Douglas zu Weihnachten 1913 von seiner Mutter ein Bilderbuch, das sie speziell für ihn gezeichnet und geschrieben hatte. Es war die Geschichte eines kleinen Teddybären, der mit seinem Besitzer Douglas durch Europa reist und danach den Untergang der Titanic miterlebt. Später wurde das Buch unter dem Titel „Polar, der Titanic-Bär“ veröffentlicht.

Für einmal ein Titanic-Schicksal mit Happy-End? Leider nein. Im Sommer 1915 rannte der inzwischen neunjährige Douglas einem Ball hinterher auf die Strasse, wurde von einem Auto erfasst und kam ums Leben. Es war eine der ersten Autounfälle in den Vereinigten Staaten.


Ist das fair? Man überlebt den Untergang der Titanic und stirbt danach bei einem simplen Verkehrsunfall? Vielleicht ist es auch einfach ein Hinweis darauf, das Leben zu geniessen, solange man es kann. Überlebende der Titanic-Katastrophe und anderer Tragödien betonten und betonen oft, wie sehr dieses Unglück ihnen vor Augen geführt habe, wie schnell das Leben vorbei sein kann. Und dass man jeden Tag geniessen soll. Nehmen wir uns doch ein Vorbild und betrachten wir jeden Tag als Geschenk! Auch wenn wir nie ein Schiff besteigen sollten. Aber eine Strasse überqueren wir alle einmal…

Freitag, 27. September 2013

Das Lieblingshobby der Schweizer

Na, was könnte wohl das Lieblingshobby der Schweizer sein? Vielleicht Jassen? Wird sicher auch häufig gemacht. Aber ich denke, es gibt noch ein grösseres Hobby, und JA, es beginnt auch mit JA…: JAMMERN!

Gejammert wird eigentlich über alles: über das Asylwesen, über den Lohn, über die Krankenkassenprämie, über den Preis der Autobahnvignette, über die Unpünktlichkeit der SBB… Und gejammert wird überall: auf dem Bahnsteig, an der Bushaltestelle, am Stammtisch (dort besonders ambitioniert), beim Znüni usw. Und wenn bei gewissen Leuten mal der Internet-Anschluss wegen einer technischen Störung für eine Stunde nicht verfügbar ist, dann scheint der Weltuntergang nur noch eine Fussbreite entfernt zu sein.

Aber haben wir eigentlich Grund zum Jammern? Leben wir in einem Land, in welchem alles schiefläuft? Bringt das Jammern etwas? Verändern wir etwas damit? Einen Verdacht werde ich nicht los: je stärker jemand verwöhnt ist, desto mehr jammert er…

In Afrika existieren Menschen, welche tagtäglich 12 Kilometer laufen, um bei einem Brunnen Wasser für den täglichen Gebrauch zu holen. Und diese Menschen haben noch Glück, überhaupt Zugang zu sauberem Trinkwasser zu haben. Wir allerdings können den Wasserhahn aufdrehen und das kostbare Nass sprudelt uns entgegen.

Komischerweise jammern diese wasserschleppenden Afrikaner nicht. Sie nehmen ihr Schicksal wie es ist und machen das Beste daraus. Sie kämpfen jeden Tag erneut um ihr Leben und geniessen dieses trotzdem. Es sind Menschen, die mit wenig zufrieden sind. Menschen, die meinen grössten Respekt verdienen. Menschen, die wahrscheinlich nur ein müdes Lächeln übrig hätten für unsere Probleme, über welche wir hier jammern. Und es sind Menschen, von denen wir verwöhnten Schweizer so einiges lernen könnten.

Anstatt mein sauer verdientes Geld in irgend eine politische Partei zu investieren, welche im Bundeshaus auf Kindergartenniveau herumzankt und damit auch das Jammern noch zusätzlich ankurbelt, spende ich es lieber einer Organisation, welche damit Brunnenprojekte in Afrika finanziert. Damit besagte Menschen dereinst vielleicht nur noch sechs Kilometer laufen müssen zum nächsten Brunnen und sie dadurch ein kleines bisschen mehr Lebensqualität kriegen. Auch ohne fliessendes Wasser.




P.S: Eines möchte ich noch klarstellen: Ich will niemanden vom Jammern abhalten. Falls auch Sie diesem Hobby frönen, dann jammern Sie ruhig weiter! Wäre doch schade aufzuhören, wo Sie es inzwischen doch so gut beherrschen.

Samstag, 21. September 2013

Brügge

"Brügge. Auf einmal hält Erik inne und lässt seine Finger auf die Tastatur sinken. Als er die Vorschau dieser Unterseite betrachtet, sieht er ein Foto von prunkvollen alten Häusern und darunter wieder den Namen dieser Stadt: Brügge. Erik war noch nie dort und trotzdem erfüllt dieser Name seine Gedanken mit Schmerz. Von dort bekam er einst eine Ansichtskarte. Im Jahre 2000, von seiner Schwester Anita. Es war ihr letztes Lebenszeichen. Seither ist sie verschollen."

Aus: Das Geheimnis vom IJsselmeer, ISBN 9783944224701
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Montag, 16. September 2013

Digitale Fotografie - Fluch oder Segen?

Können Sie sich noch dran erinnern? An jene Zeit, in der das Fotografieren noch komplett anders funktionierte als heute? Als man noch eine Kapsel in den Fotoapparat drückte, 24 oder 36 mal auslöste, den Film zurück spulte, die Kapsel ins Labor brachte und einige Tage später stolz den Umschlag mit den fertigen Fotos nach Hause trug? Eine Ewigkeit scheint diese Zeit her zu sein! Eine Zeit, in der der Krieg noch kalt war und die Mobiltelefone Koffergrösse hatten. Und doch liegt diese Zeit nicht mehr als 20 Jahre zurück.

Und wie wir fotografierten! Jeder Druck auf den Auslöser kostete 50 bis 90 Rappen, Pfennige, Cent oder was auch immer. Das Experimentieren mit Blende, Brennweite und Verschlusszeit verkam zu einer teuren Angelegenheit und war ausserdem auch nicht besonders sinnvoll, bekam man doch erst etwa eine Woche später Kenntnis von den Ergebnissen.

Die gute alte Fototasche aus Analogzeiten

Da hat man es heute mit der digitalen Fotografie schon viel einfacher. Speicherkarte rein und los geht’s! Klick, klick, klick! Ein Foto im Eimer? Kein Problem, wir löschen es einfach, es kostet ja nichts! Und wenn wir vom Urlaub heim kommen, pflanschen wir die 1738 erzielten Fotos am besten gleich en bloc auf die Fotogalerie im Internet. Schliesslich sollen die Freunde und Verwandte doch etwas zu schauen haben!

Ich bin davon überzeugt; auf 70 Prozent aller Bilder im Internet hätte die Menschheit verzichten können. Aber es scheint tatsächlich Menschen zu geben, die der Meinung sind, jedes noch so misslungene Bild im Internet publizieren zu müssen. Na gut, dann lasst uns doch einfach das Internet in Milliarden Fotos ersäufen!

Also, gehen wir zumindest in Gedanken nochmals zurück ins analoge Zeitalter, legen wir noch einmal eine Filmkapsel in den Fotoapparat, knipsen wir 24 oder 36 mal, immer im Wissen, mit jedem Knips 70 Rappen ärmer zu sein und holen wir eine Woche später stolz den Umschlag aus dem Labor. Um dann – Schreck lass nach – festzustellen, dass alle Bilder überbelichtet sind. Ein Problem, das wir heute nicht mehr kennen, dafür kennen wir andere: Bilderschwemme im Internet zum Beispiel.

So wünsche ich Ihnen allen zum Schluss fröhliches Fotografieren! Den Profis genauso wie den Hobbyknipsern. Und natürlich auch jenen, die sich an der Bilderschwemme im Internet beteiligen! 

Donnerstag, 12. September 2013

Das kleine Segelschiffchen

"Weit draussen ist ein einsames Segelschiffchen unterwegs. Und es macht den Anschein, als würde es in die Unendlichkeit fahren. An einen Ort, wo Zeit, Geld, Hektik, Krieg und Gewalt Fremdwörter sind. Und Erik wünscht sich in diesem Moment nichts mehr, als dorthin mitfahren zu können."

Aus: Das Geheimnis vom IJsselmeer, ISBN 9783944224701
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Montag, 9. September 2013

Von altholländischen Fietsen

Stellen Sie sich vor, Sie kaufen ein neues Fahrrad, nehmen es mit nach Holland, stellen es an einem Abend in Amsterdam an ein Brückengeländer, schliessen es ab, ketten es an, gönnen sich im Hotel den Schlaf der Gerechten und am anderen Morgen ist das Fahrrad weg. Und Sie müssen für Ihre geplante Holland-Reise ein altholländisches „Fiets“ mieten, mit nur einem Gang und Rücktrittbremse.

Keine schöne Vorstellung, oder? Ich brauche mir das nicht vorzustellen, denn mir ist genau das passiert. Und dass ich bei diesem alten Zweirad schon nach kurzer Zeit die Bremsen suchte und mitten in Amsterdam gegen einen Laternenpfahl krachte – die Autofahrer in der Kolonne daneben hatten Logenplätze, – das sei hier nur am Rande erwähnt.

Auch das Wetter wollte während dieser Reise nicht so recht in Gang kommen. Es war kalt, regnerisch und windig. Und trotzdem gab es auch die schönen Momente. Zum Beispiel, als sich in Medemblik ein neunjähriger Junge ganz spontan zu mir auf die Bank setzte und mir aus seinem Leben erzählte. Und enorm neugierig war auf das, was ich so tue. Und der darum bettelte, mit mir mitkommen zu dürfen, weil er doch so gerne einmal diese hohen Berge sehen wollte. Mit viel Mühe konnte ich ihn dann doch noch davon überzeugen, dass es besser sei für ihn, in Medemblik zu bleiben.

Aber genau diese Begegnungen sind es, die einen sogar ein gestohlenes Fahrrad vergessen lassen. Und nächstes Mal werde ich in Amsterdam mein Fahrrad über Nacht weder abschliessen noch anketten. Dann wird es am nächsten Morgen zwar auch weg sein, aber dann hat immerhin die Amsterdamer „Fahrradklauindustrie“ ein etwas leichteres Leben. Ein kleiner Akt von Nächstenliebe. Und das sollten wir uns doch alle ein bisschen gönnen, nicht?


Ach ja, möchten Sie noch wissen, wie mein altholländisches „Fiets“ aussah? Bitte:


Samstag, 7. September 2013

EIn heisser Herbst nach dem sonnigen Sommer

Der Sommer neigt sich spürbar zu Ende und macht dem Herbst Platz. Ein komisches Jahr, nicht? Zumindest wettermässig. Auf den nasskalten Frühling folgte ein heisser und sonniger Sommer. Ich wage gar nicht zu überlegen, was der Herbst bringen wird. Turnusgemäss wäre jetzt wieder... Aber lassen wir das. Es kommt sowieso wie es kommt!

Jetzt greife ich auch wieder mehr in die PC-Tasten als im Sommer. Es ist definitv kein Segen, vor dem Computer zu sitzen, wenn einem der Schweiss dermassen von der Stirn tropft, dass die Tastatur Gefahr läuft, Hochwasserschäden zu erleiden. Mal sehen, was draus wird. Vielleicht der Anfang für einen neuen Roman nach "Das Geheimnis vom IJsselmeer"? Das Buch ist jetzt seit gut vier Monaten auf dem Markt und hat mir schon einige interessante Feedbacks beschert. Vor allem in der Schweiz lebende Holländer haben mit Interesse von der Reiseerzählung vernommen, welche den Leser in ihr Heimatland führt.

Im Oktober veranstaltet die Regionalbibliothek Sursee eine Ausstellung unter dem Titel "Literarisches aus der Region" mit Autoren aus der Region und ihren Werken. Ich konnte mir auch einen Platz ergattern und bin gespannt, was auf mich zukommt. Und im November darf ich eine Lesung geben bei der Gesellschaft Schweiz-Holland in Basel. Da freue ich mich jetzt schon darauf. Insgesamt steht mir also ein heisser Herbst bevor.

So, jetzt machen wir aber erstmal den September fertig. Und dann habe ich noch einen kleinen Hinweis an die Versandhäuser: Der Monat nach dem Sommer heisst nicht Weihnachten!