Mittwoch, 19. Februar 2014

Gummiball und Leichtstahlzüge - der Geschmack der 80er

Damals, tief in den 80ern, als wir Kinder noch Biene Maja schauten auf den verschneiten Analog-Bildröhren und als Sendungen wie „Verstehen Sie Spass?“ Mit Paola und Kurt Felix und viel zu bunten Bühnenkulissen über den Bildschirm flatterten; damals, als man noch auf Telefonzellen angewiesen war, wenn man mal eben schnell zu Hause anrufen wollte, Telefonzellen mit der Aufschrift „PTT“ und darunter: „Dänk dra – lüt a!“, damals tummelte sich ab und zu ein kleiner Junge am Bahnhof im luzernischen Sursee. Ganz alleine war er da, fortgeschlichen von zu Hause und staunte über die mächtigen grünen Lokomotiven mit dem Schweizer Kreuz vorne drauf. Er beobachtete, wie Züge durchfuhren, wie sie hielten und wieder wegfuhren. Wie Güterzüge lärmig vorbei ratterten, wie Reisende aus- und einstiegen.

Damals am Bahnhof Sursee mit Dampfzug der Sursee-Triengen-Bahn


Dieser kleine Junge war ich und – ja, Mami, es tut mir ja leid, dass du dir manchmal Sorgen machen musstest, weil du nicht wusstest, wo ich war. Aber zumindest wusstest du, dass du immer zuerst am Bahnhof nach mir suchen musstest!


Typisch für die 80er: Ae 4/7 vor Güterzug

Die grossen Züge waren schon damals die Welt des kleinen „Chrigeli“. Damals war alles anders als heute. Vor den Güterzügen standen noch Ae 4/7 im Einsatz, eine Lokomotive, die ich damals als „das kleine Krokodil“ bezeichnete, obwohl es mit der richtigen Krokodillok eigentlich nicht viel gemein hatte. Die Bummelzüge bestanden aus Leichtstahlwagen mit Mitteleinstieg, gezogen von Re 4/4 I. In diesen Wagen roch es immer genau gleich, nach Eisenbahn einfach! An den Wänden hingen Schwarz-weiss-Fotos mit Sujets aus der Schweiz und in den Abteilen hingen blaue Glühbirnen (wie ich später erfuhr die sogenannte „Kriegsbeleuchtung“, um bei Fliegeralarm nachts nicht als leuchtende Zielscheibe durch die Gegend zu fahren). Auf den Bahnsteigen gab es noch keine Linien, hinter die man sich stellen musste, keine elektronischen Zielanzeigen und die Lautsprecherdurchsagen wurden noch live gesprochen und kamen nicht vom Band. Überall standen noch diese grossen Gepäckkarren rum mit den vier grossen Rädern und der breiten Ladefläche, wo man sich so wunderbar hinsetzen konnte. Und manchmal tuckerte der Dampfzug der Sursee-Triengen-Bahn heran, hüllte den Bahnhof in Rauch und brachte diesen unverwechselbaren Geruch mit; ein Gemisch aus verbrannter Kohle und Schmierstoff.


Kindheitserinnerungen: Leichtstahlzug mit Re 4/4 I

Der Kiosk war noch ein einfacher Stand, den Gleisen zugewandt und es gab dort nur Zeitungen, Zeitschriften und Süssigkeiten zu kaufen. Und Gummibälle. 1987 kaufte ich mir einen orangen Gummiball an genau jenem Kiosk für 2 Franken 50. Ich musste auf die Zehenspitzen stehen, um an den Ball zu kommen, nachdem ich der Kioskfrau die lange ersparten Münzen in die Hand gedrückt hatte.


Es war eine so unbeschwerte Zeit! Dabei war schon damals die Welt nicht mehr in Ordnung. Europa war zweigeteilt in westliche und kommunistische Staaten, die die Meinungsfreiheit unterdrückten. Es wurde diskutiert, ob man das Gemüse noch essen dürfe nach der Katastrophe im fernen Tschernobyl, dort, bei den Kommunisten. Und das Wort „Waldsterben“ war in aller Munde.


Doch das alles beschäftigte nur die Erwachsenen, an mir ging das vorbei. Ich hatte ja meine Züge, und die forderten meine ganze Aufmerksamkeit. Und wenn ich heute auf meiner Modelleisenbahnanlage dem Modell-Bummelzug mit Re 4/4 I und Leichtstahlwagen zuschaue, wie er seine Runden dreht, dann bin ich wieder der kleine Junge aus den 80ern. Als ob die Zeit stehen geblieben wäre.


Leichtstahlzug auf meiner Modellbahn

Wie wäre es doch schön, noch einmal dorthin zurückkehren zu können! Nur für einen Tag! 
Oder ja, vielleicht auch für zwei!

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